St. Petersburg – Fenster nach Europa, Tor zu Russland
Die prächtige Stadt an der Newa, auf russisch Санкт-Петербург, ist erst 300 Jahre jung, hat aber für ihre jungen Jahre schon eine ganze Menge erlebt. Viele für Russland und den Rest der Welt bedeutende Ereignisse haben sich in den St. Petersburger Palästen und Festungen, auf den Strassen und Plätzen der Stadt abgespielt. Mit einer turbulenten Vergangenheit im Rücken ist St. Petersburg heute eine aufstrebende russische Metropole.
Gründung und Aufstieg
Moskau war und ist unbestrittenermassen das historische und kulturelle Zentrum Russlands. St. Petersburg dagegen liegt am äussersten nordwestlichen Rand des Riesenreichs. Der tatkräftige und äusserst aktive Reformerzar Peter der Grosse (Regierungszeit 1682-1725) krempelte sein Reich gründlich um und entschied, sein Werk mit einer neuen Hauptstadt zu krönen. 1703, nachdem sich Russland und Schweden jahrzehntelang um die Vorherrschaft im Ostseeraum gestritten hatten, wurde auf der Schweden abgerungenen, reichlich sumpfigen Newamündung der Grundstein für die neue Hauptstadt gelegt.
Moskau ist über die Jahrhunderte gewachsen: Die Ringstrassen legen sich wie Jahresringe um den Kreml, eine Stadtplanung im eigentlichen Sinne kam erst im 20. Jahrhundert auf. St. Petersburg hingegen wurde von Anfang an genau geplant: Die Strassen sind schnurgerade, das Stadtbild einheitlich. Die strengen St. Petersburger Linien sollten sich von den verwinkelten Moskauer Gassen abgrenzen und in ihrer Klarheit und Symmetrie die neue Zeit symbolisieren.
St. Petersburg war jahrzehntelang nichts als eine sumpfige Baustelle und der Zar musste seine ganze Überzeugungskraft aufbieten, um die Adeligen zum Umzug aus dem gemütlichen, vertrauten Moskau zu bewegen und so Einwohner für seine Stadt zu gewinnen. Peter der Grosse war ein Mensch seiner Zeit: der beginnenden Aufklärung. Er war ausserordentlich technik- und fortschrittsbegeistert und warb in ganz Europa und vor allem in Holland, der damals fortschrittlichsten Nation, Schiffbauer, Architekten, Wissenschaftler und Künstler an. So wurde St. Petersburg zu einem Zentrum der Wissenschaften und Künste. Ein halbes Jahrhundert nach seiner Gründung befand sich die Stadt bereits auf Augenhöhe mit Paris, Wien und anderen führenden europäischen Städten, ab 1710 war St. Petersburg Hauptstadt des Russischen Reiches. Das gigantische Projekt Peter des Grossen war ein durchschlagender Erfolg.
Hauptstadt Russlands
Von 1710 bis 1918 war St. Petersburg russische Hauptstadt und das kulturelle, wissenschaftliche und politische Zentrum des Landes. Aus dieser Epoche stammen die prächtigen Paläste, die breiten Strassen und die Altstadtviertel des Stadtzentrums. In dieser Zeit wurden der Winterpalast, der Schlossplatz, die Admiralität, die Peter-und-Paul-Festung, die Uferstrassen und der Newski-Prospekt geschaffen. Auf den Inseln im Newadelta, die durch über 500 Brücken miteinander verbunden sind, erstreckt sich die einzigartige architektonische Landschaft St. Peterburgs – die grösste zusammenhängende Altstadt weltweit. Malerisch, charmant, zum Teil verfallen und mit der Patina des Alters bedeckt, romantisch und beeindruckend – das architektonische Erbe aus Barock, Klassizismus und Jugendstil ist heute der grösste Reichtum der Stadt. Keine andere Stadt der Welt kann sich rühmen, eine so grosse und unberührte Altstadt zu besitzen und kaum eine andere Stadt bemüht sich so sehr darum, ihr Erbe zu erhalten.
Degradierung zur Provinzstadt und Belagerung
Der Beginn des 20. Jahrhunderts war in Russland voller Widersprüche, geprägt von einem beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung und grosser sozialer Unrast gleichermassen. In St. Petersburg schossen Fabriken und Manufakturen aus dem Boden, Kaufleute machten riesige Vermögen. Es reiften die Konflikte und Gegensätze heran, die sich schliesslich in der Oktoberrevolution von 1917 entladen sollten. Die Revolution nahm ihren Anfang in St. Petersburg, der Kanonenschuss aus der „Aurora“, die bis heute an der Newa vor Anker liegt und in der sich heute ein Museum befindet ist, gab das Startsignal. Der Winterpalast wurde gestürmt, die konservative Zarenherrschaft gestürzt und die Bolschewiki, angeführt von Lenin, bestimmten fortan den Lauf der Dinge. Ähnlich wie Peter der Grosse trat auch Lenin mit dem Willen an, viel zu verändern. Architektonisch äusserte sich dies in den neuen Formen des Konstruktivismus, ab den dreissiger Jahren dann in den pompösen Bauten der Stalinarchitektur. St. Petersburg hiess ab 1914 Petrograd (deutsche Namen waren während des ersten Weltkriegs wenig beliebt) und wurde nach Lenins Tod 1924 in Leningrad umbenannt. 1918 wurde Moskau wieder Hauptstadt und St. Petersburg blieb fortan nichts anderes übrig, als sich mit dem Status einer riesigen Provinzstadt zu begnügen.
Nach den Revolutionswirren ginge es in den zwanziger Jahren wieder aufwärts mit der Stadt. Die NEP (Neue Ökonomische Politik) bescherte Leningrad einen Wirtschaftsaufschwung und eine lebenslustige Kaufmannsschicht. Die Industrialisierung während der dreissiger Jahre führte zum Bau der grossen Fabriken und Arbeiterviertel in den Südbezirken der Stadt. Der Moskowski-Prospekt, die grosse Achse vom Flughafen ins historische Zentrum, sollte die neue Hauptschlagader der Stadt werden und an die Stelle des altehrwürdigen Newski Prospekts treten.
Während des zweiten Weltkriegswurde Leningrad 900 Tage lang von der Deutschen Wehrmacht belagert, Millionen Einwohner verhungerten. Aus der Nachkriegszeit stammen die riesigen, ziemlich eintönigen Neubauviertel in den Aussenbezirken der Stadt, aber auch die Metro. Die erste Linie wurde 1955 eröffnet, die am reichsten ausgestatteten Stationen (Sowjetbarock) sind Awtowo und Kirowski Sawod im Südwesten der Stadt. Heute zählt die Metro 5 Linien, die neueste ist seit 2009 in Betrieb.
Das neue St. Petersburg
Auf Tauwetter, Stagnation und Perestroika folgte 1991 der Untergang der Sowjetunion und die Leningrader entschieden sich, ihre Stadt wieder in St. Petersburg umzubenennen. Auf den Zusammenbruch folgte eine schwere Wirtschaftskrise, die in den Neunzigerjahren ganz Russland traf. Heute gehört St. Petersburg zu den Gewinnern unter den russischen Städten. Wie in Moskau und einigen anderen russischen Grossstädten konzentrieren sich hier Banken, Handel, Gewerbe und eine ganze Menge Geld. St. Petersburg profitiert stark vom Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahre. An allen Enden der Stadt wird restauriert, verschönert und neu gebaut, es ist, als ob die Stadt an der Newa aus einem Dornröschenschlaf erwacht wäre. Man will das Provinzdasein hinter sich lassen, nicht länger die ewige zweite Geige spielen und zu altem Glanz zurückkehren. St. Petersburg ist heute eine herausgeputzte, sich beständig erneuernde, moderne russische Weltstadt. Es steckt voller Geschichten und spannender Abenteuer und ist ausserdem ein Augenschmaus!